GEBURTSBERICHT

Liebe Leni,

ich bin Nadja und hatte die große Freude Deine Mama, Deinen Papa und Dich auf Eurer gemeinsamen Geburtsreise zu begleiten.

Ich bin eine Doula und habe dafür gesorgt, dass Dich Mama und Papa gut vorbereitet, ganz selbstsicher und mit viel Freude auf unserer schönen Welt in Empfang nehmen. Ich erinnere mich noch an den schönen Sommertag, als ich Deine Mama zum ersten Mal getroffen habe und an ihre große Freude über die Schwangerschaft. Am meisten aber habe ich mich über Deinen geplanten Geburtstermin, den 4. Februar gefreut, denn genau an diesem Tag habe ich meinen ersten Sohn auf die Welt gebracht. 

Während Du allmählich in Mamas Bauch herangewachsen bist, ist außerhalb ganz schön viel passiert – oder auch nicht, das kann man sehen, wie man möchte. Die ganze Welt musste sich zurückziehen und Acht nehmen, denn ein Virus namens Corona hat sich in unser aller Alltag geschlichen und viele Menschen krank gemacht, vor allem die Alten.An allen Fronten war Vorsicht geboten und Distanz – zumindest körperlich- stand ganz oben auf unser aller Tagesordnung. Den Winter über haben es sich Mama und Papa gemütlich gemacht und viel Zeit und Ruhe gehabt sich auf dich zu freuen, und sich auf Deine Geburt vorzubereiten. Leider durfte ich aufgrund des Virus Deine lieben Eltern nicht wie geplant zur Geburt begleiten. Jetzt wo ich unsere Geschichte Revue passiere, bin ich aber gar nicht traurig darüber, denn Deine Eltern waren nach meinem letzten Besuch so voller Zuversicht, gemeinsamer Freude und Kraft, dass ich felsenfest davon überzeugt war, dass sie das auch ohne mich meistern und an dieser wunderschönen Herausforderung wachsen werden.

Für Deine Geburt haben sich Mama und Papa ein ganz tolles Krankenhaus ausgesucht. Beiden war es wichtig, dass Du in entspannter Atmosphäre und, soweit es die Geburt zulässt, auf ganz natürlichem Weg auf die Welt kommst. Dafür haben sie wirklich alles gegeben und ganz schön lange am Telefon gehangen, um einen der beliebten Plätze zu ergattern.

Es folgte eine etwas längere Wartezeit, denn Du hast es Dir in Mamas Bauch so richtig gemütlich gemacht und überhaupt nicht daran gedacht auf die Welt kommen. Es war auch ganz schön kalt um Deinen Geburtstermin herum. Es lag seit langem einmal wieder Schnee in Berlin, die Seen waren gefroren und viele Kinder waren seit langem einmal wieder draußen und hatten Spaß auf Schlitten und Schlittschuhen. Nach dem langen Einnisten zu Hause war das ein kleiner Befreiungsschlag für viele. Es vergingen Tage, Wochen und dann so langsam wurde Deine Mama etwas nervös, denn ab einem bestimmten Zeitpunkt hätten die lieben Hebammen im Krankenhaus bei Dir angeklopft und Dich herausgelockt. Aber Mama und Papa wollten, dass Du das selbst entscheidest. Ich erinnere mich, dass deine Mama zu mir meinte: „Ich fühle mich wie bestellt und nicht abgeholt“. Darüber musste ich sehr schmunzeln und habe Ihr gesagt, sie solle noch einmal ordentlich in den Bauch pusten und Dich motivieren. 

Ob sie das gemacht hat weiß ich nicht aber was ich weiß ist, dass Du dich in den folgenden 24 h dann doch auf den Weg gemacht hast. Am 18 Februar um 11:15 Uhr hat mir dein lieber Papa dann folgende Nachricht geschrieben, über die ich mich sehr gefreut habe:

„Hallo Nadja, es geht los. Jetzt kurz vor dem bzw. am Zwangsvollstreckungstermin will sie dann doch freiwillig ihre Höhle verlassen und uns sehnsüchtig Wartende wohl wirklich noch kennenlernen wollen. Gestern Abend gegen 17 Uhr fing es langsam mit leichten Wellen an. Wir konnten noch ein ordentliches Festmahl mit Humus, Falafel, Makali, leckeren Saucen und Salaten feiern. Gegen Mitternacht wurden die Abstände dann schon kürzer und die Wellen höher. In der Nacht legte sich die See etwas und wir konnten noch gut und tief schlafen. Heute Morgen sollte es eigentlich zum Einleiten in die Havelhöhe, der Wellengang erlaubte uns jedoch noch im Heimathafen zu verweilen. Die Wellenabstände wurden derweil recht kurz auf 2 min und pendeln derweil zwischen 4 und 10 min mit zwei längeren 20 min Pausen. In der Wanne und nach der Wanne im Bett kamen bereits zwei große Wellen, die schon anfingen zu brechen. Maria ist eine sehr gute Wellenreiterin. Sie schlägt hörbare Schneisen in ihrem kunstvollen Kurvenritt durch die Wellen. Die höheren Wellen schaffen Respekt, aber mögen sie doch kommen! 🏄🏼‍♀️ Wir müssen jetzt herauskriegen, wann wir das Heimatgewässer verlassen. Vielleicht schafft es die Hebamme nochmal her, um den Zustand der See zu checken.

Wir sagen „hang loose“ und bis bald. 🤙“

Du siehst Dein Papa wirkte sehr entspannt und Deine Mama hat hervorragende Arbeit zu Hause geleistet und mit Dir den ersten „Tanz auf dem Vulkan“ ganz rhythmisch und gekonnt veratmet. Deine Mama hat mir erzählt, dass die Sonne so schön in ihr Schlafzimmer schien und das Licht sehr warm wirkte. Es war also eine ganz entspannte und wärmende Atmosphäre was ihr dabei geholfen sich vorzustellen wie sich ganz langsam ihr Muttermund wie eine Blume für Dich öffnet. 

Am 20. Februar um 01:35 Uhr Nachts erreichte mich dann diese wunderbare Nachricht von deinem Papa dass Du geboren bist, gesund und munter. Der 20.Februar ist aber nicht dein Geburtstag. Das Licht der Welt hast Du am 19. Februar erblick. Um 18:57 Uhr bist Du mit 3415 Gramm und 53 cm gesund auf die Welt gekommen.

Mama und Du, ihr seid danach noch zwei Tage im Klinikum geblieben, um Euch zu erholen. So eine Erdlandung ist ja nicht ohne! Mama konnte hier erst einmal durchatmen, Kraft tanken und hat von den Hebammen die nötige Unterstützung bei den ersten Stillversuchen bekommen. Dein Papa durfte aufgrund des Virus leider nicht bei Euch bleiben und nur zu Besuch kommen.

Am 21. Februar erreichte mich von deiner lieben Mama dann folgende Sprachnachricht, die mich zu Tränen gerührt hat. Lies doch einmal selbst. Ich habe ihre Worte für Dich konserviert.

„Hallo Nadja, jetzt melde ich mich. Ich weiß, dass Sebastian Dir bereits etwas geschrieben hat. Leni liegt Grad auf meiner Brust und ich bin wahnsinnig schreibfaul und erschöpft. Deswegen kommst du jetzt in den Genuss einer Sprachnachricht von mir.  Uns geht es allen beiden gut, aber ich habe ein wahnsinniges Schlafdefizit, weil Leni gestern von elf Uhr abends bis früh um fünf nonstop gestillt werden wollte. Seit drei Tagen habe ich vielleicht drei Stunden pro Nacht. Trotzdem möchte ich einen kurzen Bericht zur Geburt geben denn das interessiert Dich bestimmt am meisten.

Ich war erst mal wahnsinnig froh, dass Leni doch noch den eigenen Anstoß gefunden hat sich von alleine auf den Weg zu machen. Vielleicht haben auch die homöopathischen Mittel, die wir noch an dem Tag vor der Einleitung bekommen haben, geholfen. Am späten Abend ging es mit leichten Wehen los, die in der Nacht ein bisschen weniger geworden sind.  Ich konnte somit noch ein bisschen Schlaf tanken. Am nächsten Morgen ging es weiter und bis mittags wurden die Wehen immer kräftiger, aber es fühlte sich alles noch okay an. Zum Nachmittag hin wurde es mir dann aber zu viel denn die Wehen wurden deutlich stärker. Wir haben unsere Hebamme angerufen und gesagt, dass wir jetzt losfahren. Die Fahrt mit diesen heftigen Wehen, die dann schon alle vier Minuten kamen, war echt gruselig. Es war zwar zeitlich die kürzeste von den fünf anderen Fahrten zuvor, aber trotz der Wehen doch sehr ungemütlich. Der seitliche Türgriff hat mich aber gut unterstützt und trägt bestimmt noch meinen Handabdruck. Sebastian hat mit geschickten Fahrmanövern wahrscheinlich noch 5 Minuten rausgeholt. Als ich ankam hat mich die Hebamme schon an der Tür abgeholt und ich musste mich zum Glück nicht mehr vorstellen oder erklären wer ich bin. Im Nebenzimmer konnte ich mich erstmal wieder hinlegen – ich hätte nicht gedacht, dass ich die Geburt so viel im Liegen verbringen würde, aber jede andere/aufrechte Position fand ich einfach zu anstrengend. Die Hebamme hat dann erstmal ein CTG gemacht und meinen Muttermund untersucht (5-6cm gegen 13:30 Uhr) und ich dachte nur, warum bleibt sie so gelassen, wenn sie doch sieht, dass meine Wehen gefühlt fast pausenlos im Abstand von ca. 4min ziemlich heftig kommen. Sebastian war zu der Zeit noch draußen und wartete auf sein Corona-Testergebnis. 

Ich bin dann auch direkt in den Geburtsraum gekommen. Ich habe direkt wieder das große Bett angesteuert. Sebastian hat noch fix versucht die Kliniktasche und den riesigen Essbeutel auszupacken und mir was anzubieten, von den wahrscheinlich 50 verschiedenen Getränken und Snacks wollt ich nur getrocknete Apfelringe und Wasser zu mir nehmen. Die elektronische Kerze von dir, Nadja, hat er noch geschafft auszuräumen und anzumachen. Die Hebamme wollte unbedingt, dass ich Tee mit Traubenzucker trinke, um zu Kräften zu kommen, was nicht meine erste Wahl war. Sebastian musste alle Tricks anwenden mir das Getränk einzuflößen.

Irgendwann bin ich in die Badewanne, nachdem ich, auf Bitten der Hebamme, noch zwei Wehen im Stehen an der Sprossenwand hinter mich gebracht hatte. Sie meinte: „Das machst du toll.“ und ich antwortete: „Ich find das aber gar nicht toll!“. Die Hebamme vor Ort hat mir toll geholfen und sie wusste genau, wo sie mich hinhaben wollte. Sie hat mich wunderbar geführt und ich habe ihr vertraut. Das war ein schönes Gefühl. Ich dachte, dass es in der Wanne etwas entspannter wird und die Schmerzen zwischen den Wehen etwas nachlassen…aber nix da: ich habe gefühlt keinen Unterschied gespürt. Aber es hat mir gutgetan. In der Wanne hat die Hebamme dann eine Muttermundsöffnung von 9cm festgestellt (ca. 16 Uhr). Da die Herztöne im CTG immer wieder abfielen, sollte ich nochmal den Ort wechseln und nach zwei heftigen Wehen außerhalb des Wassers war ich dann wirklich an meinem Schmerzlimit angekommen und hab die Hebamme gefragt, ob es für eine PDA schon zu spät sei. Mir war klar, dass ich den Zeitpunkt dafür schon überschritten hatte, aber ich wollte es einfach nicht unversucht lassen.

Was dann passiert ist, lief nur noch wie ein Film neben mir ab. Alles war unter Kontrolle aber heftiger als ich es mir je erwartet hätte. Alles lief schnell und langsam zugleich ab aber die Abstände zwischen den Wehen waren nun so kurz, dass ich mich kaum noch ausruhen konnte. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis der Muttermund auf 10 cm geöffnet war. Ich habe mitbekommen, dass Lenis Herztöne nicht so waren wie es sein sollte. Sebastian wurde sehr nervös. Das Wechseln der Position und auch die Badewanne haben zu keiner Besserung geführt.

Meine Schmerzen waren zu dem Zeitpunkt gefühlt unerträglich und gedanklich bin ich in dem Moment von meinem Vorhaben abgeschweift und habe mir eine PDA bzw. sogar einen Kaiserschnitt herbeigesehnt. In dem Moment habe ich daran gedacht, wie ich das freiwillig ein zweites Mal machen könnte. Aufgrund der abfallenden Herztöne wurde es dann ein wenig trubelig. Ich habe die ganze Zeit meine Augen zu gehabt, um mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Zwei Ärztinnen kamen dann dazu und ich wurde an den Wehentropf gelegt und habe einen Blasenkatheter bekommen. Aber leider fehlte der Druck der Wehen, den es brauchte, um sie auf die Welt zu schupsen. Da ihre Herztöne nicht besser wurden, haben sich die Ärzte und Hebammen entschlossen ihr zu helfen. Ich habe mich ab dem Zeitpunkt einfach hingegeben und voll auf das Team um mich herum vertraut. Ich habe dann all meine Kraft zusammengetan und gepresst wie ich und mit Hilfe der Saugglocke hat sie es dann zu uns geschafft.

Erst als Leni komplett da war, habe ich meine Augen wieder weit aufgemacht und wollte nur noch meine kleine Maus anschauen.
Sebastian war die ganze Zeit so ruhig, verlässlich und aufmerksam an meiner Seite – egal wo ich war und was ich brauchte, er hat mir ein unglaublich sicheres Gefühl gegeben.
Die Ärzte und Hebammen haben uns dann erst einmal in Ruhe gelassen, um anzukommen. Ich wurde dann noch repariert, denn ein bisschen was ist kaputt gegangen aber der Damm ist zum Glück nicht gerissen.

Ich hatte nur noch Tränen in den Augen- das alles hat mich sehr berührt und ich habe mich überwältigt gefühlt. Nun sind wir auf der Station und können uns ein wenig erholen. Ich bin sehr froh über die Hilfe! Alleine hätte ich das gefühlt so nicht hinbekommen. Es ist so schade, dass Sebastian nicht hier sein kann, aber Morgen geht es wahrscheinlich nach Hause. Leni hatte leichte Anzeichen von Gelbsucht und deswegen ist es gut, dass die Ärzte und Hebammen hier noch drüber schauen. Aber Leni ist gut angekommen und freue mich sehr, dass wir ab Morgen endlich zu dritt sein können. Ich würde Dir so gerne viel mehr erzählen, aber ich glaub jetzt mache ich erst mal Schluss. Ich freue mich, wenn wir uns dann demnächst treffen und uns zusammensetzen. Du hast bestimmt auch viele Fragen und dann kommen wir wahrscheinlich noch mal viel besser ins Gespräch. Ja soweit erst mal von mir ein kurzer kleiner Bericht und ich bin wahnsinnig happy und bis ganz bald und schöne Woche.“

Nach zwei Wochen kam ich Euch drei auf Wunsch von Mama zum ersten Mal besuchen. Ich war hin und weg von den liebevollen, vorsichtigen, leisen und sanften Tönen, die an diesem Tag durch Eure Wohnung fegten. Es war sehr schön deine Eltern zu beobachten, Papa schwer verliebt und Mama wie neu geboren. Ich hatte zum Glück meine Fotokamera dabei, und auch wenn ich Bedenken hatte, dass das Klicken der Kamera diese wunderbare Atmosphäre zerstören könnte, bin ich froh diesen Moment für Euch eingefangen zu haben.

Ich bin sehr stolz auf Euch und habe diese Reise mit Freuden begleitet!

Leni, ich wünsche Dir weiterhin ein wunderbares Ankommen, Freude und viel bunte Momente in Deinem Sein! Ich beende diese unsere Reise mit einem Gedicht von Heinz Kahlau.

Meine Hoffnung

In deinem Alter, mein Kind,
hat jeder Mensch noch Gründe,
anzunehmen,
er könnte
fliegen wie laufen
lernen.

Ich werde mich hüten,
dich aufzuklären.

Vielleicht
bin doch ich es,
der sich irrt.